Haftpflicht
Restwerthändler holt Fahrzeug zwei Monate zu spät ab: LG Magdeburg verpflichtet Schädiger zur Übernahme des Standgelds
Urteil im Überblick
Nach einem Totalschaden läuft im Hintergrund oft ein Prozess ab, den der Geschädigte kaum beeinflussen kann: Der Versicherer benennt einen Restwerthändler, der einen höheren Kaufpreis bietet als im Gutachten ausgewiesen. Das klingt nach einem guten Deal – kann aber zum Problem werden, wenn der benannte Händler das Fahrzeug nicht rechtzeitig abholt und in der Zwischenzeit Standkosten auflaufen. Das LG Magdeburg hat entschieden, wer dafür haftet.
Der Sachverhalt: Kauf im November, Abholung im Januar
Der Versicherer hatte frühzeitig eine Händlerin benannt, die für das total beschädigte Fahrzeug einen höheren Betrag bot, als im Schadengutachten als Restwert ausgewiesen war. Das Fahrzeug wurde am 27. November an diese Händlerin verkauft. Allerdings holte sie das Fahrzeug erst am 26. Januar des Folgejahres ab – fast zwei Monate nach dem Kaufabschluss.
In der Zwischenzeit stand das nicht mehr fahrtüchtige Fahrzeug beim Autohaus, das es verwahrte und dafür Standgeld berechnete. Diesen Schaden machte der Geschädigte gegenüber dem Schädiger geltend. Das Landgericht als erste Instanz und das LG Magdeburg in der Berufungsinstanz gaben ihm Recht.
Die rechtliche Bewertung: Standkosten als erforderlicher Schaden
Das LG Magdeburg stellte klar: Bis zur tatsächlichen Abholung durch die Käuferin musste das nicht mehr verkehrstüchtige Fahrzeug abgestellt bleiben. Es gab für den Geschädigten keine zumutbare Alternative. Die bis zur Abholung aufgelaufenen Standkosten stellen daher einen erforderlichen Schaden im Sinne des § 249 Abs. 1 Satz 1 BGB dar, den der Schädiger zu ersetzen hat.
Das Gericht betonte außerdem: Es sei nicht ersichtlich gewesen, welche konkreten Maßnahmen dem Geschädigten zur Verfügung gestanden hätten, um eine frühere Abholung durch die Käuferin zu bewirken. Der Geschädigte hatte das Fahrzeug an die vom Versicherer benannte Händlerin verkauft – auf den Zeitpunkt der Abholung hatte er keinen Einfluss.
Die Darlegungs- und Beweislast liegt beim Versicherer
Der Versuch des Versicherers, dem Geschädigten ein Mitverschulden anzulasten, scheiterte an der Beweislast. Wer behauptet, der Geschädigte hätte durch eigene Maßnahmen die Standkosten verringern können, muss das konkret darlegen und beweisen. Das ist nicht geschehen. Pauschale Behauptungen reichen nicht aus.
Das Gericht wies zudem auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Dass das Auswahlverschulden angesichts der Benennung der Käuferin durch den Versicherer von vornherein nicht beim Geschädigten, sondern eindeutig beim Versicherer liegt, liegt auf der Hand. Wer einen Händler benennt, übernimmt damit eine Mitverantwortung für dessen Verhalten.
Konsequenzen für die Praxis
- Standkosten konsequent dokumentieren: Datum der Verkaufsvereinbarung, vereinbarter Abholtermin, tatsächliches Abholdatum und Standgeldrechnung des Autohauses sorgfältig festhalten.
- Mitverschulden nicht hinnehmen: Der Versicherer muss konkret darlegen, welche Handlungsmöglichkeiten der Geschädigte gehabt hätte. Pauschale Vorwürfe sind nicht ausreichend.
- Abholtermin schriftlich vereinbaren: Wer ein Fahrzeug an einen Restwerthändler verkauft, sollte einen verbindlichen Abholtermin schriftlich festhalten. Das schafft Klarheit und Beweissicherung.
- Anwaltliche Geltendmachung: Standkosten werden von Versicherern häufig pauschal abgelehnt. Ein anwaltliches Schreiben mit Fristsetzung erhöht die Chancen auf außergerichtliche Einigung erheblich.
12 Jahre lang Kfz-Meisterbetrieb in Karlsruhe und Ettlingen, danach nur noch Kfz-Sachverständiger und Inhaber von BESA Kfz-Gutachter e.K. in Karlsruhe & Region. Als Gründer von LOCAL PRO und kfz-unfallapp.de kenne ich die Unfallschadenabwicklung von beiden Seiten: aus dem Gutachterbüro und aus der Systementwicklung. Mehr als ein Jahrzehnt Sachverständigenpraxis schärft den Blick für das, was Versicherungen tun – und was Geschädigte dagegen tun können.
Auch interessant
Unfall? Kein Stress. Wir regeln das.
Melden Sie Ihren Schaden in zwei Minuten. Danach wählen Sie selbst, welcher unabhängige Betrieb aus Ihrer Region sich kümmert. Bei Fremdverschulden trägt die gegnerische Versicherung die Kosten.
Sicher und kostenlos. Ihre Angaben gehören Ihnen.
Was Sie nach einem Unfall wissen sollten.
Kurz beantwortet.
Sie betreiben selbst einen Betrieb in der Unfallabwicklung? Kostenlos ins Verzeichnis eintragen