Kaum ein Thema ist im Schadenbereich so überladen wie der Einsatz künstlicher Intelligenz. Die Versprechen reichen von der automatischen Schadenkalkulation aus dem Foto bis zum Gutachten auf Knopfdruck. Dieses Kapitel beschreibt, was in diesem System tatsächlich passiert, und es beschreibt vor allem, was nicht passiert.
WAS DIE ERSTEINSCHÄTZUNG IST
In der Akte steht eine KI-gestützte Ersteinschätzung zur Verfügung. Sie wertet die vorliegenden Angaben und Fotos aus und gibt eine erste Orientierung: um welche Art von Schaden es sich dem Anschein nach handelt, welche Bereiche betroffen sind, worauf bei der Besichtigung besonders zu achten ist.
Ihr Zweck ist Vorbereitung. Sie sortiert einen eingehenden Fall, bevor ein Mensch ihn zum ersten Mal ansieht, und liefert dem Geschädigten eine erste Rückmeldung, statt ihn bis zum Termin ohne jede Information zu lassen.
WAS SIE AUSDRÜCKLICH NICHT IST
Sie ist kein Gutachten. Sie ist keine Kalkulation. Sie ist keine Bewertung des Schadens und keine Aussage über Reparaturkosten, Wiederbeschaffungswert, Wertminderung oder Totalschaden. Sie ersetzt die Besichtigung nicht und darf gegenüber Dritten nicht als Feststellungsgrundlage verwendet werden.
Der Grund ist nicht Vorsicht, sondern Sachlogik. Eine Beurteilung, die auf Fotos beruht, kennt weder verdeckte Schäden noch Vorschäden noch den technischen Zustand vor dem Ereignis. Genau darin besteht die Leistung des Sachverständigen, und genau das lässt sich aus Bildern nicht ableiten.
WER DEN ZUGANG STELLT
Der KI-Zugang läuft über einen Zugang, den das Büro selbst bereitstellt und in seinem Bereich hinterlegt. Die Nutzung wird vom Anbieter des KI-Dienstes nach Verbrauch abgerechnet und ist deshalb nicht in der Lizenzgebühr enthalten. Das ist ehrlicherweise ein zusätzlicher Kostenpunkt, wenn auch ein kleiner, und es ist der Grund, warum die Funktion nicht stillschweigend im Hintergrund mitläuft.
DER RECHTLICHE RAHMEN
Da personenbezogene Daten und Fotos verarbeitet werden, gehört diese Verarbeitung in die Datenschutzdokumentation des Büros. Die Auftragsverarbeitung und der Umgang mit dem selbst gestellten KI-Zugang sind vertraglich geregelt, siehe Kapitel 23.
WAS DAS FÜR DEN GESCHÄDIGTEN BEDEUTET
Er bekommt kurz nach der Meldung eine erste Orientierung, statt tagelang nichts zu hören. Er bekommt damit ausdrücklich keine Zusage über die Höhe seines Schadens, und das steht auch so dort, wo die Einschätzung erscheint.
WAS DAS FÜR DICH ALS SACHVERSTÄNDIGEN BEDEUTET
Du siehst beim Öffnen eines Falls sofort, worum es geht, und kannst priorisieren, was dringend ist. Deine fachliche Position bleibt dabei unangetastet, denn die Einschätzung nimmt dir keine Feststellung ab. Wenn dich ein Kunde damit konfrontiert, ist die Antwort einfach und steht in diesem Kapitel: Das war eine Vorsortierung, die Feststellung treffe ich.