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Kapitel 6, Teil 2: Wie der Fall zu dir kommt

Wie Werkstätten und Abschleppdienste Geschädigte weiterleiten

Der erste Mensch am Unfallort ist selten der Sachverständige. Es ist der Abschleppdienst, kurz darauf die Werkstatt. Beide haben in diesem Moment mehr Einfluss auf den weiteren Verlauf als jede Anzeige. Die Frage ist nicht, ob sie weiterleiten, sondern wohin und wie einfach.

DAS PROBLEM DER MÜNDLICHEN EMPFEHLUNG

Die übliche Empfehlung lautet, man solle sich bei einem bestimmten Büro melden, verbunden mit einer Visitenkarte oder einer notierten Nummer. Diese Empfehlung überlebt den Weg nach Hause oft nicht. Die Karte verschwindet, der Anruf wird verschoben, und in der Zwischenzeit ruft die Versicherung an.

Eine Weiterleitung ist nur dann belastbar, wenn sie sofort in einen Vorgang mündet, nicht in eine Absicht.

DER QR-CODE

Der einfachste Weg ist ein QR-Code, der auf die Adresse des Büros führt. Der Partner hat ihn auf einem Aufkleber im Abschleppwagen, auf einer Karte am Tresen oder auf dem Übergabeprotokoll. Der Geschädigte scannt ihn am Unfallort mit seinem eigenen Telefon und ist unmittelbar in der geführten Aufnahme, ohne etwas installieren oder sich registrieren zu müssen.

Damit ist die Empfehlung im Moment ihrer Aussprache verwertet, und der Partner muss nichts weiter tun, als auf den Aufkleber zu zeigen.

WERBEHILFEN FÜR DAS NETZWERK

Zur Lizenz gehören vorbereitete Materialien, die dieser Weiterleitung dienen: QR-Codes, ein einbindbares Widget für die Webseite eines Partners, ein Einladungslink und kurze Erklärungen für Partnerbetriebe. Der Zweck ist in allen Fällen derselbe: Der Partner soll nichts erklären müssen. Er soll weiterleiten können.

DER FALL, DEN DER PARTNER SELBST ANLEGT

Manche Partner gehen weiter und legen den Fall gleich selbst an, weil das Fahrzeug ohnehin bei ihnen steht. Das ist möglich und in der Praxis der sauberste Weg, weil die ersten Daten direkt an der Quelle entstehen, mit Fotos vom tatsächlichen Zustand vor jeder Bewegung des Fahrzeugs.

PAPIER, DAS IM SYSTEM LANDET

Nicht jeder Weg beginnt digital. Kommt eine Schadenmeldung als ausgedrucktes Formular oder als Fax herein, lässt sie sich über die Funktion print2case in eine Akte überführen, statt sie abzutippen. Damit bleibt auch der analoge Zugang an das System angeschlossen.

DIE ANDERE RICHTUNG

Bis hierhin ging es darum, wie ein Fall zu dir kommt. Genauso wichtig ist, was du mit ihm machst, wenn er da ist.

Ein Unfallschaden braucht selten nur eine Leistung. Es braucht eine Werkstatt, oft einen Abschleppdienst, häufig einen Mietwagen, in vielen Fällen einen Anwalt. Wenn der Geschädigte diese vier Entscheidungen allein treffen muss, nimmt er das Angebot, das zuerst da ist. Genau darauf beruht das Geschäftsmodell der Gegenseite.

Trifft er sie dagegen aus deiner Akte heraus, entscheidet er sich für Betriebe, die du kennst und für die du geradestehst. Für diese Betriebe ist das ein Auftrag, der ohne dich nicht entstanden wäre. Und beim nächsten Fall läuft es umgekehrt: Der Abschleppdienst hat einen Geschädigten am Haken, die Werkstatt nimmt ihn auf, der Anwalt braucht ein Gutachten. Wer im Netzwerk ist, kommt vor.

WARUM DAS MEHR IST ALS EINE EMPFEHLUNG

Empfohlen wurde in dieser Branche schon immer. Der Unterschied ist, dass eine Empfehlung endet, sobald der Anruf beendet ist. Niemand weiß, ob der Kunde angerufen hat, niemand sieht, was daraus geworden ist, und niemand erinnert sich in drei Monaten daran.

In einer gemeinsamen Akte bleibt der Vorgang sichtbar. Der Betrieb, den der Geschädigte ausgewählt hat, sieht seinen Teil des Falls, arbeitet darin und schließt ihn ab. Daraus entsteht keine Gefälligkeit, sondern eine Arbeitsbeziehung, die sich nachvollziehen lässt.

WAS DABEI NICHT PASSIERT

Kein Geld wechselt die Richtung. Es gibt keine Provision für einen zugeführten Fall, keine Beteiligung am Honorar des anderen und keine Prämie für eine Empfehlung. Für Kfz-Sachverständige ist das nicht nur eine Frage des Anstands: Vermittlungsprovisionen sind berufsrechtlich nicht zulässig, und wer sie annimmt, riskiert mehr als den einzelnen Auftrag.

Die einzige Währung im Netzwerk ist der nächste Fall.

WARUM ES DAS ÜBERHAUPT BRAUCHT

Auf der anderen Seite steht ein System, das seit Jahrzehnten organisiert ist: Schadenhotline, Partnerwerkstatt, eigener Prüfdienst, eigener Mietwagen, alles aus einer Hand und sofort verfügbar. Dem gegenüber steht eine Branche, in der jeder für sich kämpft. Sachverständige, Kanzleien, Werkstätten und Abschleppdienste arbeiten am selben Fall, aber nebeneinander her, und verbringen mehr Energie mit der Abgrenzung untereinander als mit der Gegenseite.

Solange das so bleibt, gewinnt die Gegenseite nicht durch bessere Arbeit, sondern durch Organisation. Ein regionales Netzwerk ist die kleinste Einheit, in der sich daran etwas ändern lässt. Nicht durch einen Verband, sondern dadurch, dass ein halbes Dutzend Betriebe einer Region denselben Fall gemeinsam bearbeitet.

WAS DAS FÜR DEN GESCHÄDIGTEN BEDEUTET

Er bekommt eine Empfehlung, die er sofort nutzen kann, statt einer Nummer, die er später anrufen soll. Und er behält die Wahl: Der Scan führt ihn zu einem Büro, beauftragt aber niemanden automatisch. Beauftragt er danach weitere Dienstleister aus derselben Akte, hat er für den ganzen Fall einen Ansprechpartner statt vier.

WAS DAS FÜR DICH ALS SACHVERSTÄNDIGEN BEDEUTET

Deine Partner sind die stärkste Quelle, die du hast, und sie kosten dich keine Klickpreise. Sie brauchen aber ein Werkzeug, das ihnen keine Arbeit macht. Ein Aufkleber mit QR-Code leistet in dieser Situation mehr als jede Vereinbarung über Empfehlungen, weil er im richtigen Moment zur Hand ist.

Rechne dabei nicht mit den Fällen, die du selbst hereinholst, sondern mit denen, die dich über andere erreichen. Ein Netzwerk aus fünf Betrieben, von denen jeder gelegentlich einen Fall weitergibt, bringt mehr als jede Anzeige, und es kostet nichts außer der Bereitschaft, selbst weiterzugeben.

Dieses Kapitel gehört zum Handbuch Das digitale Sachverständigenbüro. Alle 26 Kapitel sind frei lesbar.

Vom Lesen zum Ausprobieren.

Zwanzig Minuten an einem echten Fall. Danach weißt du, ob das für dein Büro passt.